Hamburger Schulbuchverlag schönt Steiner

Der Hamburger Verlag „Handwerk und Technik“ führt Erzieher in die Grundlagen der Waldorfpädagogik ein. Die zugrunde liegende esoterische Weltanschauung bleibt unerwähnt, der Schulgründer wird zum Universalgenie verklärt.

Mit den Worten „Rudolf Steiners Leben ist geprägt von vorwärtsstrebendem Schaffen“ eröffnet der Verlag für Berufsbildung Handwerk und Technik ein Kapitel über Waldorfpädagogik im „Lehrerhandbuch Erzieherausbildung„, das im September 2020 an einem Wiesbadener Erzieher-Seminar zum Einsatz kam.

„Vorwärtsstrebendes Schaffen“? Das ist nur eine der verklärenden Phrasen, die der Verlag der esoterischen Weltanschauung Anthroposophie des Hellsehers und Okkultisten Rudolf Steiner entnommen hat. Erwähnt werden die Anthroposophie oder die hellseherischen Grundlagen der Reformpädagogik jedoch nicht. Offenbar versteht der Verlag sein eigenes pädagogisches Handwerk nicht.

Sektengründer oder Universalgenie?

Der Glaube der Waldorfpädagogen an Reinkarnation und Karma, unsichtbare Äther- und Astralleibe, die antike Temperamentenlehre oder fiktive „Kulturstufen“ der Menschheitsentwicklung – all das bleibt unerwähnt. Die Einführung in die Waldorfpädagogik liest sich, als würden die verklärenden Selbstbeschreibungen der oft als sektenartig wahrgenommenen Privatschule ungeprüft übernommen.

Steiner habe „alle Naturwissenschaften und Medizin“ studiert? Das ist falsch. Der Okkultist hat diese Themenfelder vorwiegend hellseherisch und im Selbststudium „erforscht“. Dabei ist er erstaunlich oft zu Erkenntnissen gekommen, die dem Stand der Wissenschaft widersprechen – und zwar gestern wie heute: Das Herz sei keine Pumpe, Spektralfarben gebe es nicht, selbst die Schwerkraft sei ja nur eine Phrase, glaubte der Okkultist. Den gescheiterten Philosophen Steiner postum zum „Wissenschaftler“ machen zu wollen ist ein starkes Stück.

Der Schulgründer habe sich gegen „aufkommenden Antisemitismus“ gewandt? „Aufkommend“ ist angesichts Jahrtausende altem Antijudaismus bereits ein fragwürdiger Begriff. Schwerer wiegt: Es sind zahlreiche rassistische und antisemitische Aussagen Steiners bekannt: Das Ende des Judentums sei ein „Ideal„, seine fortwährende Existenz sei ein „Fehler in der Weltgeschichte“ und die „herzlosen Führer der Juden“ seien in Wirklichkeit „schlimmer als die Antisemiten„. Der Schulgründer erfand eine eigene Evolutionserzählung mit dem „genialen“, „weißen“ „Arier“ als Krone der Schöpfung.

Auch die anthroposophische Ernährungslehre wird angeschnitten – „Die Getreidegerichte sind bestimmten Wochentagen zugeordnet„. Daran könnten sich Kinder „orientieren“. Hintergrund ist die Kosmologie Steiners, nach der Getreide bestimmten Planeten und Wochentagen zugeordnet seien. An den sieben Wochentagen seien die Getreide der sieben Planeten (darunter: Mond und Sonne) am bekömmlichsten, schreibt der anthroposophische Verband Demeter: Am heutigen Donnerstag esse man Roggen, den dieser „stellt den Bezug zu Jupiter her“ und „verleiht Standfestigkeit und stärkt die Leber.“

So verharmlos und misinformiert der Schulbuchverlag mit dem Segen der Kultusministerien vor sich hin. Da wird der esoterische Erzengel-Tanz „Eurythmie“ zur „Bewegungsabfolge“, der Verzicht auf die von Gläubigen für schädlich gehaltenen rechten Winkel wird zum „Wohlfühl“-Faktor. Worthülsen wie das „Sich-ineinander-Fügen“ oder „das Tun der Kinder“ sind bekanntes Anthroposophen-Sprech. Wer hat dem Verlag nur diesen Text eingegeben?

Pädagogischer Ratgeber oder rassistischer Esoterik-Schund?

Als Literaturempfehlung gibt es das topaktuelle Buch „Die Erziehung des Kindes“ von Rudolf Steiner aus dem Jahre 1907.

Seine aus „höheren Welten“ telepathisch empfangenen Eingebungen bezeichnete der Hellseher Steiner als „Geisteswissenschaft“. Über die „Erziehung des Kindes von Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“ schreibt der Okkultist allerhand verwunderliches:

Unruhige Kinder sollten auf rote Flächen schauen, damit ihre Organe eine beruhigende grüne „Gegenfarbe“ erzeugen. Oder: Das Kind habe „heilige Scheu“ und „zitternde Ehrfurcht“ vor dem „verehrten Lehrer“ zu haben. Neben solch wirrer Esoterik und den antiquierten Vorstellungen von Erziehung findet sich bereits auf den ersten Seiten Rudolf Steiners Rassismus wieder. Zitat: „Der ungebildete Wilde folgt aber seinen Leidenschaften, Trieben und Begierden mit diesem «Ich» fast wie das Tier.

Wie sollen sich angehende Erzieher so über die Waldorfpädagogik informieren? Möchte der Verlag das überhaupt? Nicht allein, dass die Waldorfbewegung ihre esoterischen Grundlagen ungern an die große Glocke hängt – ein Verlag sollte sich mit der esoterisch verbrämten Verschwiegenheit der Hellseher-Pädagogen nicht gemein machen, sondern sagen, was ist: Waldorfpädagogik basiert auf Rudolf Steiners Hellseherei, nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.