Eine Erschütterung der Macht

Rudolf Steiners „Goetheanum“ im Schweizer Dornach.
Bild (c) Wladyslaw Sojka (www.sojka.photo) unter CC BY-SA 3.0-Lizenz

Der Kurznachrichtendienst Twitter löscht alle Konten der Schweizer Anthroposophie-Zentrale „Goetheanum“. Die publizistische Macht der einflussreichen esoterischen Bewegung gerät kurz ins Wanken.

Das im Schweizer Dornach gelegene Goetheanum ist die internationale Zentrale der Anthroposophie. Die spirituelle Weltanschauung des österreichischen Hellsehers Rudolf Steiner ist bekannt durch die pseudowissenschaftliche anthroposophische ‚Medizin‘, die esoterisch begründete bio-dynamische Landwirtschaft und die alternative Waldorfpädagogik.

Die Anthroposophie ist die wahrscheinlich erfolgreichste esoterische Strömung Europas, ihr Hauptsitz ist das Goetheanum. Es beherbergt die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft als ihre, Zitat, „Seele“. Daneben gibt es zahlreiche anthroposophische Institute und Fachsektionen.

Das Goetheanum betreibt zahlreiche Social-Media-Kanäle auf Facebook, Instagram und Twitter. Jetzt wurden ihre Twitter-Konten weltweit gesperrt. Warum? Eine Spurensuche.

Goetheanum-Accounts weltweit gesperrt

Seit dem 01.09.2020 sind alle Twitter-Kanäle des Goetheanums in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien und Russland gelöscht. Benutzer seher nur noch noch den Hinweis: „Twitter sperrt Accounts, die gegen die Twitter Regeln verstoßen.“ Schon Wochen zuvor erhielten Twitter-Nutzer die Meldung, der Account sei „vorübergehend eingeschränkt“, da von ihm „ungewöhnliche Aktivitäten“ ausgingen. Den Grund für die finale Sperrung teilt Twitter nicht mit.

Eine Spurensuche

Welche bei Twitter unzulässigen Inhalte könnten zur Sperre geführt haben? Die Zentrale der europäischen Esoterik twitterte meist Unbedenkliches: Veranstaltungstermine, Pressemitteilungen, gelegentlich auch mal Trauriges über Kollegen, die „über die Schwelle“ (und damit in einen neuen Reinkarnationszyklus) gegangen seien.

Mit dem Aufkommen der Pandemie gab es zunehmend Tweets über das Corona-Virus. Diese waren stets aus anthroposophischer Sichtweise formuliert – mit teils haarsträubende Inhalten. Kritiker wie Grégoire Perra vermuten daher, die Sperre des Goetheanums habe an verrückten und verschwörerischen medizinischen Theorien rund um die COVID-19-Pandemie“ gelegen.

Tatsächlich geht Twitter seit März 2020 streng gegen „Fake-News über Corona“ vor. Man werde „eine ganze Reihe von Inhalten löschen, die vorher erlaubt gewesen sind“, darunter Tweets, die „schädliche Behandlungen“ empfehlen, kündigte Twitter an. Weitere Löschgründe seien:

  • „Falsche oder irreführende Behauptungen darüber, wie man zwischen Covid-19 und einer anderen Krankheit unterscheidet“
  • „Verweigerung von Empfehlungen der Gesundheitsbehörden, wie beispielsweise die Ermutigung von Menschen, sich nicht sozial zu distanzieren.“
  • „Beschreibung von Behandlungen, die nicht sofort schädlich sind, von denen jedoch bekannt ist, dass sie unwirksam sind“, so zum Beispiel „Aromatherapie und ätherische Öle“

Einige der Tweets aus Rudolf Steiners Hellseher-Hauptquartier passen auffällig gut in diese Kategorien.

Astrologische Landwirtschaft hält Viren im Zaum

Zunächst etwas vermeintlich harmloses. Anfang Juni zeigte der gelöschte Twitter-Kanal des Goetheanum ein Video mit Jean-Michel Florin, Leiter der Landwirtschaftlichen Sektion. Darin behauptet der Anthroposoph, Pflanzen haben ein Immunsystem und „entwickeln Viren“.

Wie offenbart dieses Virus das Problem unserer Kultur? Man kann sagen wir befinden uns im Kriegszustand gegenüber der Natur. Der biodynamischer Landbau dagegen vertritt eine radikal andere Haltung, eine Zusammenarbeit mit der Natur. (…) So begrenzt man den Einfluss von Bakterien und Viren die von weither kommen. „

Ungeachtet der Tatsache, dass die Methode der Agrar-Astrologen bereits seit 1924 angewendet wird, behauptet Florin: „Bio-dyn“ könne Pandemien wie die 2009 aufgetretene Schweinegrippe verringern und den Einfluss von Viren begrenzen:

Ein weiterer Aspekt steht in Zusammenhang, über das Coronavirus hinaus, mit den Epidemien allgemein: Seit 15 bis 20 Jahren nehmen die Epidemien in der Tierwelt zu, etwa die Vogelgrippe, die Schweinegrippe, die dann auf den Menschen übertragen wurden. Auch bei Pflanzen beobachtet man die vermehrte Entwicklung von Bakterien und Viren, das ist bewiesen. (…)

Dank der biodynamischen Methoden, die das Immunsystem der Pflanzen und Tiere stärken, beobachtet man eher weniger epidemische Krankheiten beobachtet.“ (Jean-Michel Florin – „Was wir durch die Coronakrise für die Landwirtschaft lernen„, Goetheanum, 08.06.2020)

Eine spirituelle Landwirtschaft mit Elementen aus der Astrologie mildere den Einfluss von Viren. Die Kollegen von der „medizinischen“ Sektion des Goetheanums glauben, gegen Corona mit Homöopathika und Anthroposophika vorbeugen zu können.

Planetenkonstellationen verursachten Epidemien

Die verschiedenen anthroposophischen „Fachsektionen“ erforschen zurzeit „geistig“ das Virus, schwurbeln abwechselnd identisches oder auch gegensätzliches, sie deuten die Planetenkonstellationen und veröffentlichen Druckwerke im hauseigenen Verlag. Eine ihrer Thesen: Die Gestirne standen bei der Spanischen Grippe exakt so wie heute bei Corona!

Herr Markus Sommer von der ‚Medizinischen‘ Sektion der Schweizer Anthroposophie-Zentrale schreibt: Der Gründervater und Hellseher Rudolf Steiner sah Pandemien bereits vor 100 Jahren voraus: Die Spanische Grippe, sie sei entstanden durch „kosmologische Aspekte“ und die Stellung von „Mars, Jupiter, Saturn“ störe den „Kopf-Brust-Rhythmus“. Das sei also der Grund für Epidemien, meinte der Anthroposophie-Erfinder.

Doktor Sommer weiß auch, wie man „stärkende Seelenregungen“ gegen das Virus einsetzt – und empfiehlt Eurythmie-Tänze gegen Corona: Man tanze morgens zehn mal die Buchstaben der Liebe (E), Hoffnung (U) und Verehrung (A). Das stärke die Abwehr, „erwärme“ das Atemsystem und „stabilisiere“ nicht näher benannte „Rhythmen“.

Und in dieser Art geht es unbeirrt weiter. Im März 2020 veröffentlichte das Goetheanum einen Text von Georg Soldner, dem stellvertretender Leiter der „Medizinischen Sektion“ des Goetheanums. Neben allerhand anderer wirrer Ratschläge empfiehlt Soldner Spiritualität und Homöopathie gegen Corona und stellt „große Rätselfragen“: Ob es das „unsägliche Leid der Tiere“ sei, das sich mit Corona nun bei uns rächt?

Basierend auf Rudolf Steiners Theorien von Aura-artigen Körperhüllen, die er Ätherleib, Astralleib und das „Ich“ nannte, fabuliert Soldner über die heutige, problematische „Entfremdung vom Leib“:

„Je weniger ich in meinem Körper präsent bin, je weniger er in diesem Sinne ganz von mir durchdrungen ist, desto leichter kann sich die Infektion im Körper ausbreiten und desto schwerwiegender können die Folgen sein. Dabei zählt natürlich, wie mit einem Menschen umgegangen wird, der nun als positiv getestet wurde.“

Stärkende Lichtsubstanzen kosmischer Meteore

Der Alternativmediziner empfiehlt zur Immunstärkung, eine „aktive Beziehung zur Sonne zu pflegen“ und sich „ganz elementar mit dem Kosmos zu verbinden“. Licht könne man aber auch homöopathisch zu sich nehmen – durch Globuli aus „Lichtsubstanzen“ wie kosmischem Meteoreisen:

„Potenzierter Phosphor und entsprechend potenziertes Meteoreisen morgens können als Lichtsubstanzen ebenfalls die Abwehrkraft unterstützen.

Homöopathie und anthroposophische ‚Medizin‘ werden in Deutschland zugelassen, ohne einen Wirknachweis erbringen zu müssen – eine gesetzliche Sonderregelung befreit sie davon. Ungeachtet dessen behauptet Soldner, virale Lungenentzündungen mit eine Placebo-Therapie behandeln zu können:

Wichtig scheint mir die Tatsache, dass die Anthroposophische Medizin über jahrzehntelange Erfahrung in der Behandlung viraler und bakterieller Lungenentzündungen ohne Antibiotika mit anthroposophischen Arzneimitteln und äußeren Anwendungen hat, die außerordentlich wirksam sein können.

Die Lunge würde durch „soziale Spannungen“ geschwächt:

„Was schwächt die Lunge? Dazu zwei Dinge: mangelnde Beziehung zur Erde und zur Sonne sowie soziale Spannungen. Es ist deshalb ratsam, die eigene Lunge, dieses Atmungsorgan, von innen und außen zu schützen, indem man soziale Spannungen auszugleichen versucht. “

Soldner äußert auch impfgegnerische Positionen:

Die Medizin hat den Glauben gefördert, dass man sich mit Impfungen gegen alle Ansteckung schützen kann. Das ist ein Irrtum. Selbst die Grippe-Impfung bietet nur eine Schutzrate von 10 bis 30 Prozent; sorgfältiges Händewaschen und Hygiene beim Schnäuzen und Husten sind ebenfalls wirksam – ohne mögliche Impfnebenwirkungen.„. (Georg Soldner – „Das Coronavirus„, Goetheanum, 12.03.2020)

Kritikern warf der anthroposophische ‚Mediziner‘ zeitgleich in einem Interview vor, „Andersdenkende ausschalten“ zu wollen – Deutschland sei aber „nach 1945“ stark genug geworden um „der Machtergreifung der Skeptikerbewegung zu widerstehen.“

Es muss etwas drastisches gewesen sein, dass die Twitter-Sperre dieser großen, reichen und einflußreichen Bewegung zur Folge hatte. Zugegeben: Die These der Falschinformationen zu COVID-19 ist Spekulation; an bei Twitter verbotenen Aufrufen zu Gewalt oder Terrorismus wird es sicher nicht gelegen haben.

Als Medium steht den Anthroposophen trotz des Verlustes ihrer Social-Media-Accounts weiterhin ein großes Netzwerk aus anthroposophischen Webseiten, Verlagen, Zeitschriften und anthroposophischen Nachrichtenagenturen zur Verfügung. Bisher hat sich das Goetheanum weder dort noch auf seinen verbleibenden Social-Media-Kanälen zur Twitter-Sperre geäußert.

Diese Erschütterung ihrer Macht scheinen die Anthroposophen nicht vorausgesehen zu haben.


Update 16.09.2020:

Drei der fünf Twitter-Kanäle des Goetheanums sind reaktiviert worden. Der deutsche, der spanische und der russische Kanal sind wieder online, der englische und der französische Kanal sind weiterhin geblockt. Das Goetheanum hat sich bisher nicht zu der Sperre geäußert.