Gastbeitrag: Impfen – behaupten, belabern, beeinflussen

Symbolbild: Schutzimpfung

Anthroposophische Ärzte geben sich beim Thema Impfungen neutral – doch was sich zwischen ihren Zeilen findet, ist tendenziös, unausgewogen und unwissenschaftlich. Eine Analyse von Gastautor IT Hurts When IP.

Impfen ist in der Welt der anthroposophischen Ärzte ein schwieriges Thema. Vordergründig wird weder eine Befürwortung noch eine Ablehnung von Impfungen propagiert. Man setze auf eine freie Impfentscheidung. Dennoch lassen einige Artikel Zweifel an dieser Behauptung aufkommen.

Vor kurzem nahm Gastautor IT Hurts When IP bereits den Artikel einer anthroposophischen Ärztin und offenen Impfgegnerin genauer unter die Lupe. Jetzt fand er ein bemerkenswertes Interview mit einem anthroposophischen Arzt in exakt dem selben Waldorfpädagogik-Blog.

Es handelt sich jedoch nicht um irgendeinen Arzt, sondern den Leiter der Akademie Anthroposophische Medizin. Und auch dieses Interview benötigte dringend einen Faktencheck.

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Grüne Gesundheitsexpertin ist gegen Impfpflicht – und für Pseudomedizin

Die Grüne Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche ist Mitglied des ständigen Ausschusses für Gesundheit des Deutschen Bundestages und Sprecherin der Fraktion für Gesundheitswirtschaft. Seit Jahren spricht sie sich gegen eine Impfpflicht aus – Homöopathie und Anthroposophie findet sie hingegen gut:

„Die Grünen im Bundestag stehen einer Impfpflicht sehr skeptisch gegenüber. Statt auf Zwang und Sanktionen zu setzen müsse man das Vertrauen in eine gute Beratung stärken und auf herrschende Verunsicherungen eingehen, sagte die Grünen-Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche.“ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 2019)

Laut Schulz-Asche ist eine Impfpflicht wegen der damit verbundenen „Risiken“ abzulehnen. Und: Flüchtlinge seien der Grund gewesen für die letzte große Masern-Welle in Berlin, 2015:

„Deutschlandfunk: Warum gibt es keine Impfpflicht?

Schulz-Asche: Weil natürlich mit Impfungen auch Risiken verbunden sind. (…) Der Ausbruch in Berlin ist ja zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass durch Flüchtlinge aus Ländern, in denen nicht ausreichend geimpft wurde, die Infektion hierher getragen wurde.“ (Schulz-Asche im Deutschlandfunk, 2015)

Die Theorie vom „Masern-Flüchtling“ gilt jedoch als widerlegt:

„Asylsuchende sind nicht Schuld am Berliner Masernausbruch (…) Nicht selten stehen Waldorfschulen im Fokus der Epidemien. Dort kam es 2010 in Essen und Berlin, 2011 in Offenburg oder 2013 in Erftstadt bei Köln zu Ausbrüchen. An den Schulen sind deutlich weniger Kinder immunisiert, die Rate liegt oft deutlich unter 80 Prozent.“ (Die Zeit, 2015)

Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann, bringt die Masernepidemie 2015 mit anthroposophischen Waldorf-Einrichtungen in Zusammenhang:

„Hermann will die Impfgegner nicht mit der pharmakritischen Tradition des grün-alternativen Wählerklientels in Zusammenhang bringen. Eher schon mit der relativ hohen Zahl von Waldorf-Kindergärten und -Schulen im Bezirk.“ (Der Tagesspiegel, 2015)

Auch im Berliner Landesamt für Gesundheit sieht man die Masern als Waldorf-Problem:

„Silvia Kostner, Sprecherin im Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin, nennt Menschen, die ihre Kinder nicht immunisieren lassen, als wichtigen Grund für die Ausbreitung von Masern. Exemplarisch zählt sie Fälle von Ansteckung an Berliner Waldorfschulen auf.“ (Morgenpost, 2015)

Beim Robert-Koch-Institut sieht man es genauso:

„Die beim staatlichen Robert-Koch-Institut für Impfungen zuständige Sabine Reiter erklärte die Impfskepsis bei Masern, Mumps und Röteln jüngst im Deutschlandfunk so: „In den deutschsprachigen Ländern, also auch in der Schweiz und Österreich, ist die Skepsis in weiten Teilen der Bevölkerung sehr verbreitet. Das kommt vor allen Dingen daher, dass viele denken, das sei eine harmlose Kinderkrankheit und das Durchmachen würde das Immunsystem stärken.“ Ferner wies Reiter auf den starken Einfluss von Anthroposophen in dieser Frage hin: „In den letzten Jahren, wenn wir Masernausbrüche in Schulen und Kindergärten hatten, waren die oft in Waldorf-Kindergärten oder anthroposophischen Schulen.“ (Deutschlandfunk, 2015)

Kordula Schulz-Asche hält große Stücke auf Homöopathie und anthroposophische Medizin. „Komplementärmedizin“ sei besser, als „jede Beeinträchtigung mit Chemie oder einer Operation anzugehen“. Auch wenn sie einschränkt: „Bei Homöopathie wissen wir nicht, wie sie wirkt“. Frau Asche ist offenbar eine Freundin der esoterischen „anthroposophischen Medizin“, wie sie nach einem Besuch der anthroposophischen Gemeinschaftsklinik Havelhöhe in Berlin feststellt:

„Es war einer jener Besuche, die mich als gelernte Krankenschwester besonders interessieren. Insbesondere die ganzheitliche, auf die Patienten ausgerichtete Medizin und die ganzheitliche, auch therapeutische Maßnahmen umfassende Pflege empfand ich als spannend.“ (Schulz-Asche.de, 2014)

tl;dr: Die Grüne Gesundheitsexpertin ist gegen eine Impfpflicht gegen Masern, weil Impfungen „Risiken“ haben. Masern seien ein durch Flüchtlinge eingeschlepptes Problem. Homöopathie könne heilen, man kenne nur den Wirkungsmechanismus noch nicht. Anthroposophische Pseudomedizin findet sie „spannend“ und „ganzheitlich“.

Das Grundrecht auf Masern

“Der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) hat die aktuell wieder aufflammende Diskussion zum Anlass genommen, die Waldorfeltern
aufzufordern, sich eingehend mit der Thematik auseinanderzusetzen und,
so heißt es in der Pressemeldung, "eine bewusste Entscheidung unter
Einbeziehung aller Gesichtspunkte zu treffen.”

Der Impfpflicht, wie sie
von Gesundheitsminister Bahr als „letztes Mittel" ins Gespräch gebracht
wurde, erteilt der BdFWS eine Absage, er tritt stattdessen für eine
freie Impfentscheidung der Eltern ein. “ (Bund der freien Waldorfschulen)

Quelle: Pressemitteilung “Bund der freien Waldorfschulen plädiert für freie Impfentscheidung

“Können und dürfen wir noch individuell entscheiden? Differenzierte Positionen haben es in dieser aufgeheizten Debatte schwer. Dabei schützt unsere Gesellschaft unsere Individualrechte aus gutem Grund.” (”Erziehungskunst”)

Quelle: “Erziehungskunst – Waldorfpädagogik heute” in  “Masern – Impfpflicht: Ja oder Nein?

“Masernausbrüche in
Schulen und Kindergärten waren oft in Waldorf-Kindergärten
oder anthroposophischen Schulen.
“ (Dr. Sabine Reiter, Bundesinstitut für Infektionskrankheiten)

Quelle: Deutschlandfunk – “Gesundheitsminister Gröhe kritisiert Impfgegner”.

“Ich habe Ihnen gesagt, daß die Geister der Finsternis
die Menschen dazu inspirieren werden, sogar ein Impfmittel zu finden, um
den Seelen in frühester Jugend die Hinneigung zur Spiritualität
auszutreiben.” (Rudolf Steiner)

Quelle: Rudolf Steiner in “Die spirituellen Hintergründe der äusseren Welt”, GA177, Seite 237.

Siehe auch: Steinerquotes zu “Impfgegner Anthroposophen”.

Masern heute

“Schäfer holt kopfschüttelnd einen Artikel hervor, der mal an der Schule herumging.

Er trägt den Titel “Masern heute”, darin wird der Philosoph und Naturwissenschaftler Rudolf Steiner zitiert: Das hohe Fieber der Masern sei “wie ein Eisen, das man im Feuer schmieden will”, das Kind mache damit einen “Entwicklungsschritt” durch.
Beispielsweise hat ein Kind beim Malen nur gekritzelt. Nach der
Krankheit malte es einen Menschen.

In der Impfdebatte treffen Ansichten
aus dem 19. Jahrhundert offenbar den Nerv
der nach Optimierung strebenden Mittelschicht. Eine Infektionskrankheit
wird in dieser Logik zu einer Station im Lebenslauf.

Die Verharmlosung der Masern, an denen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation weltweit jeden Tag 400 Menschen sterben, ist unter Eltern weit verbreitet.“ (Süddeutsche Zeitung)

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 12.03.2015 – “Impfverweigerer aus Lifestyle-Gründen

Siehe auch bei Steinerquotes: