Okkultismus für glückliche Kinder

Ganzseitiges Portrait von Rudolf Steiner, umringt von rosa Blümchen:
Sonderausgabe „happikids“ des Magazins „happinez“ mit Thema Anthroposophie.
Fotos via Grégoire Perra bei Twitter.

Spirituelles Magazin bringt in der Sonderausgabe „Happikids“ Werbung für die Anthroposophie des Okkultisten Rudolf Steiner. Seinen Lehren könne man ganz leicht auch zu Hause nachfolgen.

Vom spirituellen Magazin „happinez„, laut eigenen Angaben das „erste Mindstyle-Magazin“ für Freunde von „Weisheit, Psychologie und Spiritualität“ gibt es eine interessante Spezialausgabe für Eltern und Kinder: In der Sonderausgabe 10 mit dem Titel „happikids“ geht es um den „Schulungsweg Rudolf Steiners“.

Happinez sei „angetreten, um Dinge anzubieten, die unserem Körper, unserem Geist und unserer Seele gut tun“. In dieser Sonderausgabe ist das die als sektenhaft kritisierte Lehre des österreichischen Esoterikers Rudolf Steiner: Die Anthroposophie.

Das Magazin ist von 2018, wird aber im August 2020 wieder an Kiosken verkauft. Unter dem Titel „Der „Initiationsweg des Rudolf Steiner“ heißt es neben einem ganzseitigen Portrait des Anthroposophie-Gründers:

Okkultes für den Hausgebrauch

Seine Ideen sind so lebendig wie eh und je. Du kannst sie leicht zuhause umsetzen!“ (happinez Magazin, happikids-Sonderausgabe Nr. 10, 2018)

Die Anthroposophie begegne einem überall – in Waldorfpädagogik, in der Demeter-Landwirtschaft, in der organischen Architektur. Sie stelle für viele Menschen sogar eine Art Lebensweg dar.

Anthroposophie dient auch als Kompass für viele Menschen auf der Suche nach Weisheit und Wahrhaftigkeit, die ihrem Leben mehr Sinn geben wollen.“ (happinez Magazin, happikids-Sonderausgabe Nr. 10, 2018)

Unklar ist, ob dieser spirituelle Weg für Kinder als geeignet angesehen oder gar empfohlen wird. Die Anthroposophie sei jedenfalls eine „spirituelle Erziehung“, mit der man eine Verbindung zu zusätzlichen Welten herstellen könne. Ihr Gründer Steiner habe im übersinnlichen Buch aller Welten-Ereignisse, der „Akasha-Chronik“ lesen können. Exklusiv habe der Hellseher geheimes, also im Wortsinne okkultes Wissen besessen:

Rudolf Steiner hatte sich nach jahrelangen Geistesübungen die Fähigkeit angeeignet, frei auf die Akasha-Chronik zuzugreifen, eine Bewusstseinsebene, in der man die Gesamtheit des geistigen Wissens über das Universum, Vergangenheit und Zukunft, wie in einer kosmischen Bibliothek vorfindet. Das esoterische Wissen, das er durch seine Bücher und Vorträge gesammelt hatte, gab er dann weiter.“ (happinez Magazin, happikids-Sonderausgabe Nr. 10, 2018)

Geisteswissenschaft oder Geisterwissenschaft?

So schnell werden hellseherische Phantasien zu „esoterischem Wissen“ umgedichtet. „happinez“ verbreitet auch die Erzählung von der Anthroposophie als „Wissenschaft des Geistes“:

Was die Anthroposophie zu einer solchen westlichen Weisheit macht, ist ihre Betonung des gesunden Menschenverstandes, der individuellen Verantwortung und der wissenschaftlichen Methodik.

Rudolf Steiner bezeichnete seine Disziplin oft als „Wissenschaft des Geistes“, und er bemühte sich, die Ergebnisse seiner, wie er es nannte, „geistigen Forschung“ möglichst wissenschaftlich und methodisch festzuhalten: „Die Geisteswissenschaft zielt darauf ab, das Nichtwahrnehmbare so zu beschreiben, wie die Naturwissenschaft darauf abzielt, das Wahrnehmbare zu beschreiben.“ (happinez Magazin, happikids-Sonderausgabe Nr. 10, 2018)

Es ist richtig, dass der Hellseher sich Beweise für seine übersinnlichen Erfahrungen gewünscht hätte – geliefert hat er sie jedoch nie. Eine „wissenschaftliche“ oder „methodische“ Arbeit des Anthroposophie-Gründers ist weitgehend unbekannt, im Gegenteil: Steiner wies oftmals darauf hin, dass die materialistische Wissenschaft seine „höheren Welten“ überhaupt nicht erfassen könne:

“Diese Tatsachen sind durch rein übersinnliche Beobachtung gewonnen (…). Schlußfolgerungen aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen [führen] in die Irre.” (Rudolf Steiner, „Aus der Akasha-Chronik – Vorurteile aus vermeintlicher Wissenschaft”, GA11, Seiten 240-241)

Es gelte, so „happinez“, die „Lehren der höheren Welten auf das alltägliche Leben anzuwenden“ und sich einen „soliden irdischen Menschenverstand“ zu bewahren. Bei all dem Gerede über die Akasha-Chronik und unsichtbare Welten, die sich der Messbarkeit entziehen, ist das eine recht gewagte Aussage.

Esoterik, Schmesoterik, ist ja auch egal: Zum Ende gibt es ein wohlfühliges Zitat Steiner, das gut aufzeigt, wie die Anthroposophie die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion zu verwischen versucht:

Das Wesentliche liegt nicht in einer Wahrheit, sondern in der Harmonie zwischen allen Wahrheiten (Rudolf Steiner).“ (happinez Magazin, happikids-Sonderausgabe Nr. 10, 2018)

Ein Kind seiner Zeit?

Eine Textbox auf der letzten Seite weist auf Anthroposophie-Kritik hin: „Wenn wir tiefer in die Anthroposophie tauchen, werden wir früher oder später auf die Rassentheorien Rudolf Steiners stoßen„.

Leider werden dazu keine Experten wie Zander oder Staudenmaier, sondern eine Waldorf-Mutter zitiert. Die bittet um Distanzierung von „Irrtümern“ in Steiners Werk, das dadurch keineswegs abgewertet würde: „Diese Ängste beruhen auf einer groben Unterschätzung des positiven Einflusses von Rudolf Steiner, der so viele Menschen dazu gebracht hat, sich positiv aufeinander einzulassen.

Und es wird relativiert: Steiner wäre eben „ein Mensch wie alle anderen„, der „empfänglich für die Vorurteile seiner Zeit war„. Man solle „die Welt mit eigenen Augen sehen, auf das eigene Herz hören und ihm gehorchen„. Die „happinez“ lobt die Mutter als „hervorragende Schülerin Steiners“. Steiners Rassentheorien erscheinen als rein zeittypischer Irrtum, unwichtig gegenüber dem großen Segen, den der Hellseher der Menschheit brachte.

happikids präsentiert hier okkultes für den Hausgebrauch – trotz der starken Einleitung gibt es leider wenig Konkretes: Man solle „mit offenen Augen“ die Welt betrachten, „mit beiden Beinen“ auf dem Boden stehen und „alle Wahrheiten“ zulassen – Binsenweisheiten für die ganze Familie.


2 Gedanken zu “Okkultismus für glückliche Kinder

  1. … diesen twitter-Kommentar finde ich Klasse:

    „Aber echt, hey! Wer noch nie seine eigene arische Rassentheorie entwickelt hat, werfe den ersten Stein!“

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  2. „happinez“ Magazin, „happikids“-Sonderausgabe Nr. 10, 2018: „Rudolf Steiner hatte sich nach jahrelangen Geistesübungen die Fähigkeit angeeignet, frei auf die Akasha-Chronik zuzugreifen, eine Bewusstseinsebene, in der man die Gesamtheit des geistigen Wissens über das Universum, Vergangenheit und Zukunft, wie in einer kosmischen Bibliothek vorfindet.“

    Gesicherte Erkenntnis. Rudolf Steiner kann das. Mein Kommentar ist im Gegensatz dazu spekulativ:

    „(…) Ich versuche, einem Freund den Inhalt von Steiners Buch „Aus der Akasha-Chronik“ zu erklären:

    “Es ist die Geschichte der Menschheit, wie sie sich dem Eingeweihten zeigt. So eine Art ‘Evolutionsgeschichte’, nur dass der Eingeweihte auch in die Zukunft schauen kann. Die Menschheit entwickelt sich laut Steiner auf sieben Planeten. Von Planet zu Planet steigt das Menschengeschlecht höher in der Entwicklung. Dabei helfen ihm Führer, die selber schon auf einer höheren Entwicklungsstufe stehen. Es geht los auf dem Saturn, dann kommt die Sonne, der Mond und schließlich die Erde …”

    “Wieso Sonne und Mond – das sind doch keine Planeten?!”

    “Für den Esoteriker Steiner schon. Die Erde formt sich im nächsten Entwicklungsschritt in den Jupiter um, dann kommt die Venus und zuletzt der Vulkan. Sieben Planeten, und auf jedem Planeten durchleben die Menschen sieben mal sieben Entwicklungsstufen … Ja, ich weiß, das klingt nach Science Fiction … ich habe mich an die Perry Rhodan-Hefte erinnert, du weißt schon, diese Groschenromane.”

    “Mich erinnert das Ganze an ein Video-Game, wo man immer das nächsthöhere Level erreichen muss!”

    “Ja, stimmt, das ist großartig, das trifft’s genau! (…)“

    weiter: „Rudolf Steiners rassistischer Science-Fiction-Trash: Aus der Akasha-Chronik“, https://hpd.de/artikel/10883

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