Deutsche! Meidet deutsche Kartoffeln!

Führer einer rechtsextremen Bewegung verbreitet Thesen des Hellsehers Rudolf Steiner: In einer Kochshow kritisiert er die Ernährung mit „ausländischen“ Kartoffeln.

Inszenierte „Selbstverharmlosung“: Neuerdings tritt der Führer einer vom Verfassungsschutz beobachteten völkischen Bewegung in einer eigenen, locker-sympathisch inszenierten Koch-Show auf. Der Österreicher gilt als Führungsfigur innerhalb der neuen europäischen Rechtsextremen.

Kartoffeln werden in der Youtube-Show jedoch nicht gekocht: Als Beilage zum Gericht „Wiener Schnitzel mit steirischem Endiviensalat“ lehnt der Aktivist die Kartoffelknolle ab. Ein Grund: sie komme „aus dem Ausland“ und sei „nicht gut für Mitteleuropäer“. Das habe er von einem Anthroposophen gelernt.

Woher kommt diese These?

Screenshot vom T-Online-Video vom 06.03.2020:
Welchen Krieg dieser mann entfacht – und was das Mittel dagegen ist

„Ich bin kein Kartoffelfreund. Ich habe mal den Vortrag eines Anthroposophen gehört, der gemeint hat, die Kartoffel wäre keine gute Frucht für Mitteleuropäer. Sie kommt aus dem Ausland, sie wächst unter der Erde als Nachtschattengewächs, und wir sollten viel mehr Korn essen.“ (Martin S., 2020)

Woher kommt aber die Ablehnung der esoterischen Glaubensgemeinschaft der Anthroposophen gegenüber Karoffeln? Dazu müssen wir 100 Jahre zurückgehen.

Warum Kartoffeln dem Kopf schaden

Für den Anthroposophie-Gründer Rudolf Steiner waren der Mensch und der Kosmos in gemeinsamer Evolution verbunden. Zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen erfand er komplexe Beziehungen und zahlreiche wundersame Analogien:

Der Aufbau einer Pflanze, so der selbsternannte Hellseher, ähnele dem Aufbau des menschlichen Körpers, nur sei dieser auf den Kopf gestellt: Die Wurzeln einer Pflanze seien beim Menschen „mit dem Kopf verwandt“.

Es sind auch zahlreiche Ernährungstipps des Hellsehers überliefert: Melonen „verdunkelten den Verstand“, Gurken verstärkten Gefühle von „Neid und Missgunst“, zu viele Äpfel führten zu „Herrschsucht und Brutalität“ und Pilze seien „ungemein schädlich, sie enthalten hemmende Mondenkraft„.

Oft sprach Steiner von der Kartoffelknolle. Diese sei ein Ding, das „nicht ganz Wurzel geworden ist„, und eine solchermaßen quasi in ihrer Entwicklung gestörte Wurzel könne demnach auch nicht gut sein für das menschliche Gehirn:

“So dass es also so ist, dass mit dem Kartoffelessen die Menschen in Europa ihren Kopf, ihr Gehirn vernachlässigt haben. Diesen Zusammenhang sieht man erst, wenn man Geisteswissenschaft treibt.

Da sagt man sich: Seit in Europa diese Kartoffelnahrung immer mehr und mehr überhand genommen hat, seit der Zeit ist der Kopf der Menschen unfähiger geworden.” (Rudolf Steiner, “Vorträge für die Arbeiter am Goetheanumbau”, 1923)

In einem anderen Vortag befindet Steiner, wenn der Mensch also Kartoffeln esse, „wird seine Lunge und sein Herz schwach“. So sei auch die Tuberkulose zu erklären: „Die Lungentuberkulose, die nahm erst überhand, als die Kartoffelnahrung eingeführt wurde!”.

Führende anthroposophische ‚Medizinerin‘ rät von Kartoffeln ab

Noch heute, 100 Jahre später, findet sich Rudolf Steiners These von angeblich schädlichen Kartoffeln. So warnt die führende anthroposophische “Medizinerin” Michaela Glöckler, ehemals jahrzehntelang Leiterin der “medizinischen Sektion” an der Schweizer Anthroposophie-Zentrale Goetheanum:

“Wurzeln unter der Oberfläche entsprechen dem Nerven-Sinnes-System“. Kartoffeln „regen es nicht an“.

In der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr raten wir von regelmäßigem Kartoffengenuß ganz ab.“ (Michaela Glöckler in „Kindersprechstunde. Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber„, 2016)

Genau wie der Rechtsextreme empfiehlt auch Frau Glöckler anstatt von Kartoffeln Getreide zu essen. Glöckler, die Rudolf Steiner als „Propheten“ verehrt, gibt viele weitere Ernährungstipps: So sollte man Fast-Food meiden, da es laut der Grande Dame der anthroposophischen „Medizin“ den „Ätherleib langweilt„.

Steiners Wurzelgleichnis in der Waldorfschule

Selbst in der anthroposophischen Waldorfschule findet man das Kartoffelgleichnis des Hellsehers Steiner wieder. Die „Erziehungskunst“, offizielle Zeitschrift des Bundes der freien Waldorfschulen, schrieb 2014 über die „Pflanze als umgekehrten Menschen„.

Das sei nicht nur ein schönes Gleichnis im Fach „Pflanzenkunde“, nein: So könnte auch das leidige Thema Sexualkunde an die Kinder herangetragen werden, ohne den, Zitat, „Befruchtungsvorgang“ schildern zu müssen:

„Man kann die Pflanze als einen umgekehrten Menschen erleben. Während der Kopf des Menschen zur Sonne, zum Himmel gerichtet ist und seine Fortpflanzungsorgane zur Erde, ist es bei der Pflanze umgekehrt: In der dunklen Abgeschiedenheit der Erde wächst die Wurzel. Sie ist der »findige« Teil der Pflanze, denn sie sucht den Weg zum Wasser. Diese Findigkeit wäre am ehesten vergleichbar mit der Kopf-, Nerven- und Sinnestätigkeit des Menschen, der in der dunklen Abgeschiedenheit seines Schädels »Findigkeit« entwickelt.“ (Erziehungskunst, „Bilder, die die Seele nähren. Warum Waldorflehrer Gleichnisse erzählen„, April 2014)

Identische Thesen im Waldorfkindergarten

Die Vereinigung der Waldorfkindergärten schreibt auf ihrer offiziellen Webseite zum Thema Ernährung das selbe: Wurzeln von Pflanzen regen die „Nerven-Sinnes-Prozesse“ an:

„Bei der Ernährung schließlich ist ebenfalls auf Gesundheit und Ausgewogenheit zu achten. Es ist sinnvoll, Nahrungsmittel verschiedener Pflanzenteile (Wurzel, Stengel, Blatt, Blüte oder Frucht) zu kombinieren, denn in jedem dieser Pflanzenteile findet während des Wachstums eine andere Wechselwirkung mit den Kräften aus der Umgebung statt. Dadurch werden dem menschlichen Organismus unterschiedliche Anregungen geboten: die Wurzeln regen die Nerven-Sinnes-Prozesse an, die Blattorgane wirken auf das rhythmische System und die Blüten oder Früchte auf die Stoffwechselvorgänge.“ (Waldorfkindergarten.de – „Das Grundprinzip der Waldorfpädagogik – Ernährung„, Stand: 06.07.2020)

Weiter heißt es, zur „Gesunderhaltung der Erde“ seien „besonders die Produkte aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft“ wertvoll.

Demeter-Bauern haben die dicksten Kartoffeln

Dass die Anthroposophie sich auch in Sachen Ernährung nach ihrem Gründer richtet, findet man auch beim esoterischen Anbauverband Demeter. Der auf Astrologie und Okkultismus basierenden Anbaumethode läge eine auf Steiner basierende „Mission“ zu Grunde:

„Inspiriert werden wir von den Anregungen der Anthroposophie Rudolf Steiners, insbesondere von seinem „Landwirtschaftlichen Kurs“. An der Weiterentwicklung der biodynamischen Land- und Ernährungswirtschaft arbeiten wir erkenntnistheoretisch, wissenschaftlich, transdisziplinär, lösungsorientiert und praktisch.

Die gewonnenen Erkenntnisse vermitteln wir über Bildung, Beratung und Information. Auf dieser Grundlage entwickeln wir eine ganzheitliche Agrar- und Ernährungskultur.“ (Demeter-Richtlinien, aus der Einleitung: „Mission„, 2015)

Auch Demeter-Vorstand Alexander war sich 2019 sicher, dass eine „ganzheitliche Ernährungskultur“ für die Verbraucher „heilsam“ sei, ja – man würde durch bio-dynamische Ernährung sogar „spirituell wachsen“!

Und Rudolf Steiner wusste, dass die Berücksichtigung kosmischer Rhythmen oder die Anwendung magischer Rühr-Rituale dem Bauern zu guter Ernte verhelfen würden:

„Man ist erstaunt als Landwirt, wenn man durch eine Maßnahme augenblicklich große Kartoffeln hat!“ (Rudolf Steiner)

Waldorfschulen „belustigt“: Ernährungslehre existiert nicht

Der Bund der Waldorfschulen, ihre offizielle Hauszeitung, die Waldorf-Kindergärten, die anthroposophische Medizin sind sich bei der Kartoffel also einig. Da könnte man vermuten, dass die Ernährungstipps des Schulgründers auch umgesetzt werden.

Laut einer Masterthesis zur Verpflegung an Waldorfschulen servieren immerhin 8 von 10 Schulen ausschließlich die angeblich spirituell heilsame Nahrung aus anthroposophischen Demeter-Anbau. Ebenso viele Schulen verzichten auf Mikrowellen-Geräte, weil die kostbare „ätherische Vitalkräfte“ zerstören würden.

Die anthroposophische Bewegung will ihre, nennen wir es „verblüffenden“ Ansichten jedoch nur ungern in der Öffentlichkeit verbreitet sehen. Kommt es hart auf hart, leugnet sie ihre Grundsätze dann schlichtweg – auch bei Kartoffeln:

Obwohl das Magazin „Erziehungskunst“ noch kurz vorher in den Schulen auslag, gaben mehrere Rudolf-Steiner-Schulen auf Nachfrage der Neuen Zürcher Zeitung an, nichts von der Existenz irgendeiner Steinerschen Ernährungslehre zu wissen:

Die Frage, ob Kartoffeln auch heute noch gemieden würden, führt zu Irritation und Belustigung unter Vertretern angefragter Rudolf-Steiner-Schulen: In der anthroposophischen Ernährungslehre gebe es keine strikten Regeln für oder gegen ein Nahrungsmittel.“ (NZZ – „Die Kartoffeln und der Mond„, 2015)


Credit Foto: https://www.pexels.com/de-de/foto/lebensmittel-kartoffeln-ernte-frisch-4110476/

3 Gedanken zu “Deutsche! Meidet deutsche Kartoffeln!

  1. Das nicht auszurottende falsche Analogiedenken – ob in der Steinerschen Variante, in der Hahnemannschen oder wie auch immer – richtet nach wie vor viel Unheil an. Es sitzt evolutionär tief bei den Menschen und kann offenbar auch heute noch schnell angesprochen werden.
    Ist Hahnemanns Ähnlichkeitsprinzip zwar falsch, so ist es doch Ergebnis einer gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Wissensstand seiner Zeit. Welches Kompliment man Steiner gut 100 Jahre später nicht machen kann – seine Ideen sind so hanebüchen und allein esoterisch-fantastisch „begründet“, dass sie tatsächlich nur mit dem Anspruch legitimiert werden können, Gegenstand einer anderen, der „Geisteswissenschaft“ der Anthropophen zu sein.
    Brauchen, wollen, können wir uns eine „Wissenschaft“, die die Grenzen der realen Welt niederreißen will, leisten? Ganz bestimmt nicht.

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  2. Wie halten sie es eigentlich mit Kaffee? Kakao? Tee?
    Wahrscheinlich kommt als Warmgetränk nur Pfefferminztee von der heimischen, biodynamisch aufgezogenen Pflanze in Frage. Oder Hagebuttentee, oder Kamille.

    Essen sie eigentlich Früchte, die aus dem Ausland kommen? Orangen, Zitronen, Bananen?
    Tomaten sind auch Nachtschattengewächse. Das sicher nicht.

    Körner, ja. Jeden Wochentag anderes Korn, zum Beispiel: Sonntags Weizen, weil Sonntag, wie ja der Name schon sagt, der Tag der Sonne ist, und zur Sonne gehört der Weizen. Der Montag ist der Mond-Tag, und zum Mond gehört der Reis. Und so weiter. Erläuterungen bei:
    https://www.bio-blog.de/2017/11/17/sieben-koerner-sieben-tage-sieben-planeten/

    Außerdem gilt die Regel: Ein Drittel Wurzel, ein Drittel Blatt, ein Drittel Frucht.
    Alle Regeln sind ungeschrieben, weil der Mensch ist frei.

    Diese Diät wirkt. Rudolf Steiner war nicht dick und seine Anhänger sind auch fast alle hager. Besonders in den oberen Etagen. Corporate identity!

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