SWR2 über Waldorfschulen im Nationalsozialismus

Stichtag 10. Februar 1934: Der SWR2 berichtet: „Die Stuttgarter Waldorfschule nimmt keine Erstklässler“. Die Privatschulen durften unter den Nazis wegen gemeinsamer Ansichten zunächst weitermachen. Als die Schließung drohte, biederten sich einige dem Regime an, andere weigerten sich.

In einem kurzen Radio-Feature berichtete der SWR über die Rolle der privaten Waldorfschulen des Anthroposophen Rudolf Steiner in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Zahl der Waldorfschüler wuchst laut dem Südwestdeutschen Rundfunk auch nach 1933 noch weiter, obwohl das NS-Regime ja die nichtstaatlichen Schulen eigentlich bekämpfte. Die Waldorfschulen, die unter den Nazis einige Förderer wie den Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess hatten, durften aber zunächst weitermachen.

Der Religionswissenschaftler und Anthroposophie-Experte Ansgar Martins:

„Die allermeisten Anthroposophen hielten den Nationalsozialismus erstmal für eine positive Entwicklung.“ (SWR2 Zeitwort – „10.2.1934: Die Stuttgarter Waldorfschule nimmt keine Erstklässler„, 10. Februar 2021)

Die Nazis wiederum interessierten sich für deren Konzepte in Schule und Medizin:

Auch wenn die Anthroposophische Gesellschaft 1935 verboten werden wird, weil man ihre Inhalte für zu wenig völkisch hält, gibt es führende Nazis wie Rudolf Hess, die Teile der Anthroposophie positiv sehen, etwa die Alternativmedizin oder die Waldorferziehung.“

Dazu Ansgar Martins:

Es gibt einen starken Anti-Intellektualismus, sowieso ein anthroposophisches Feindbild. [Eine] sinnliche Pädagogik finden auch Nazi-Pädagogen sehr attraktiv (…). Beide Weltanschauungen teilen die Ablehnung gegen den sogenannten Materialismus. Es gibt schließlich ein Gemeinschaftsideal. (…)

„[Schulen] werden begutachtet und meist wird ihnen mangelnder nationalsozialistischer Geist attestiert. [Sie] laden dann die Gutachter wieder ein, zeigen: Nein, wir machen genau das, was ihr wollt, auch wenn wir es auf anderem Wege machen. Ein Indiz dafür, dass sie dachten, sie wären konform

Aus zwei Waldorfschulen werden NS-Versuchsschulen

Als die Nazis Schulen mit Schließung drohen, biedern sich viele beim NS-Regime an. Am Ende wird es ihnen nicht helfen:

„In Gutachten wird immer wieder der Gemeinschaftsgeist betont (..) Auf drohende Schließungen reagieren die Schulen immer wieder mit Beteuerungen, wie nahe sie dem Nazi-Denken stehen. An der Stuttgarter Schule werden 1934 die jüdischen Lehrer ohne ein Wort des Bedauerns entlassen. (…)

„Trotzdem verkündet die Regierung 1936 einen generellen Schüler-Stopp für Waldorfschulen. Die meisten schließen in den nächsten Jahren, teilweise auch, weil sie den Führer-Eid verweigern. Es gibt Pläne, Waldorfschulen in NS-Versuchsschulen umzuwandeln. (…) Einige Waldorfschulen bewerben sich für das Programm, zwei werden zugelassen. Die Hamburger Schule wird kriegsbedingt schließen, die Dresdener Waldorfschule bis 1941 existieren.“

Andere Praxisfelder der Anthroposophie wie die sogenannte anthroposophische „Medizin“ durften hingegen noch bis Kriegsende weiterexistieren.

Quelle: SWR2 Zeitwort – „10.2.1934: Die Stuttgarter Waldorfschule nimmt keine Erstklässler„, 10. Februar 2021.


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