„Wir konnten uns nicht darauf einigen, dass wir gewaltfrei unterrichten“

Ein Dutzend Lehrer der Waldorfschule Weimar prügelten und demütigten Schüler – immer wieder, unfassbare 15 Jahre lang. Weder die Gremien der Schulleitung noch andere Lehrer stoppen die Gewalt in dem „sektenähnlichen“ System. Im Gegenteil: Eltern, die sich beschwerten, wurden angegriffen.

„Seit 15 Jahren sollen Lehrer einer Waldorfschule gewaltsam gegen Schüler gewesen sein. Lange haben Lehrer, Eltern und Schüler das verschwiegen„, berichtet die „Zeit“ am 03. Dezember 2020. Es sei ein „unheilvolles System“ gewesen, mit „sektenähnlichen Verhältnissen„. Immer wieder habe es im Verlauf der letzten 15 Jahren Gewalt von Lehrern gegen Schüler gegeben. Die Schulleitung ignorierte die Beschwerden, bis Schüler sich jetzt zusammentaten.

Zwölf Lehrkräfte sollen Kinder jahrelang angebrüllt und gedemütigt, geohrfeigt oder geboxt haben. Schüler hätten zwar die Leitung und auch andere Lehrer informiert, aber niemand half ihnen. Die Schule habe eine „eigene Welt aufgebaut“, so die Zeit, in der die mutmaßlichen Täter durch Tätigkeiten in Leitungsgruppen fest im System verankert und somit fast unverzichtbar waren. Diese Strukturen sind mir bekannt. Oft gehören dogmatisch-esoterische Lehrer_innen zu den Leitungsgruppen der selbst verwalteten Schulen und sitzen in Machtpositionen. Hilfe gibt es oft weder von innen noch von außen. Wer sich beschwert, wird zum Problem, Hilfe gibt es von keiner Seite.

Die Schule habe zwar ein Statement gegen Gewalt veröffentlicht, konnte ältere Vorwürfe aber nicht mehr aufarbeiten. Unter Gewaltverdacht stehende Lehrer verließen die Schule – wechselten aber teils an andere Waldorfschulen, wo sie heute weiterhin im Waldorf-System tätig sind.

Seit 100 Jahren auch Gewalt als Mittel der Erziehung

Der Artikel spricht davon, dass Lehrer_innen Schläge als „Denkanstoß“ oder „Ordnungsschelle“ gerechtfertigt hätten. Das kommt bekannt vor. Schulgründer Steiner hatte Prügel als „manchmal nötig“ bezeichnet. Und der Band 1 der pädagogischen Schriften des Bundes der Freien Waldorfschulen nannte ganze 42 Jahre lang „kräftige Ohrfeigen“ als probates Mittel der Erziehung – noch bis 1993: Zitat: „Der Schmerz [ist] der strenge und harte, aber echte und treue Freund des Menschen“.

Oft gelten anthroposophische Lehrkräfte als kleine Götter: „In der Waldorfschule herrscht der Lehrer; er ist König, absoluter Monarch und an keine Konstitution gebunden“ (Klaus Prange, 1985) Kinder hätten „Ehrfurcht und Scheu“ zu haben, „keinen Gedanken von Kritik“, so der Schulgründer Rudolf Steiner. Die in Weimar betroffenen Schüler sollten sich bitte nicht öffentlich äußern, so die Lehrer, sondern nur mit der Lehrerkonferenz reden. Dort habe den Schülern eine „Übermacht“ von Lehrern“ gegenüber gestanden, die sie ignoriert und belächelt habe.

Das hat Tradition. So forderte Rudolf Steiner von den Lehrern der ersten Waldorfschule in Stuttgart, nachdem es Eltern-Beschwerden über Ohrfeigen gegeben hatte : „Schweigen wir über alles das, was wir handhaben in der Schule. Halten wir uns an eine Art Schulgeheimnis.”

Lehrerkollegium blieb uneinsichtig: Gewaltfreiheit sei keine Option

Erschütternd ist diese Passage aus dem Zeit-Artikel:

„Wir konnten uns als Kollegen nicht darauf einigen, dass wir gewaltfrei unterrichten“, erzählt ein ehemaliger Lehrer. „Sie sagten mir: Wir können Ihnen nicht versprechen, dass es hier gewaltfrei abgeht“, erzählt ein Vater.“ (Die Zeit – „Waldorfschule Weimar. Die nicht so freie Waldorfschule„, 03.12.2020)

Es ist unfassbar. Gewaltverzicht er scheint diesen Waldorfpädagog_innen als Unmöglichkeit.

Die Staatsanwaltschaft nahm seit 2019 bereits 13 Strafverfahren auf, wegen „Beleidigung, Körperverletzung, Verleumdung , Misshandlung Schutzbefohlener“. Die Schule habe auf die Vorwürfe nie reagiert, die Vorfälle nie abgestellt, im Gegenteil: Eltern, die sich beschwerten, wurden attackiert: Einen Beschwerdebrief von Eltern bezeichnete die Schule als „Erpressung und Bedrohung“. Der Waldorfbund empfahl den Eltern, die Klärung der Vorfälle den internen Elternrat regeln zu lassen.

Erst als dreiundvierzig ehemalige Schüler_innen im Juni 2020 einen offenen Brief schrieben, wurden Jugendschutz und Schulaufsicht aktiv. Das Kultusministerium sagt: „Die Schwere der Vorwürfe war außergewöhnlich“. Es habe allerdings wenig Handhabe und könne keine Lehrer an Privatschulen entlassen. Aber es kann die 80% staatlicher Förderung der Schule in Frage stellen.

Anthroposophen holen sich jetzt Unterstützung – von Anthroposophen

Bisher seien die Vorfälle an der Schule nie aufgearbeitet worden, so die Zeit. Doch nun wolle die Schule ihre „Kommunikation“ verbessern. Dazu hat man sich einen Coach engagiert, eine Absolventin der anthroposophischen und waldorfnahen Alanus-Hochschule, die ehemalige Waldorfschülerin sei. Zudem werde die Schule von einem anthroposophischen Verein zu einem Schutzkonzept gegen Gewalt beraten.

Mir scheint, es ist wie so oft: Die Anthroposophen klären ihre Angelegenheiten unter ihresgleichen.

Ähnliche Vorfälle an zahlreichen anderen Waldorfschulen

Die Vorfälle erinnern an Lehrer-Gewalt in der Waldorfschule Kempten, die 2006 bekannt wurden. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen insgesamt 14 Lehrer ermittelt, die Schüler misshandelt hatten. Gewalt an Waldorfschulen läuft oft nach dem selben Muster: Kind ist schuld, Lehrkraft wird gedeckt, Eltern hinausgeworfen, bedroht, verklagt. Seit Jahrzehnten. In Deutschland, weltweit. Dazu empfehle ich meinen ausführlichen Artikel, der nach den Gründen für die Gewalt sucht: „Anthroposophie.blog – Kräftige Ohrfeigen“ – Über Gewalt an Waldorfschulen

Eine Kopie des Zeit-Artikels findet sich bei Microsoft News.


Quelle Foto: Karolina Grabowska from Pexels

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