„Guten Morgen, liebe Kinder“: Langzeitdokumentation über eine Waldorfschule

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Vierzig in Rottönen gekleidete Kinder sitzen auf roten Kissen in einem roten Raum mit roten Vorhängen und roten Türen. Im Chor sprechen die Kinder einen Text über „der Seele Geistesmacht“:

„Der Sonne liebes Licht,
Es hellet mir den Tag;
Der Seele Geistesmacht,
Sie gibt den Gliedern Kraft;
Im Sonnen Lichtes Glanz
Verehre ich, 0 Gott,
Die Menschenkraft, die Du
In meine Seele mir
So gütig hast gepflanzt,
Daß ich kann arbeitsam
Und lernbegierig sein.
Von Dir stammt Licht und Kraft,
Zu Dir ström‘ Lieb‘ und Dank.“

Vielleicht vermuten Sie zuerst, hier dem Treffen einer Sekte zuzusehen. Und damit lägen sie nicht mal ganz falsch. Die dargestellte Schule ist eine Steiner-Schule, eine Waldorfschule. Den von den Kindern auswendig gelernten, christlichen Ritualtext hat der Schulgründer verfasst: Der Hellseher und Okkultist Rudolf Steiner. Die Kamera dringt hier in eine Welt vor, die die Waldorfschulen sonst nur sehr ungern zeigen. Doch die Waldorfschule allein entscheidet, was wir von ihr sehen dürfen.

Dreiteilige Langzeit-Dokumentation

Im Auftrag des Bayerischen Rundfunks hat die Filmemacherin Maria Knilli die Kinder einer Waldorfschule 8 Jahre lang in ihrem Schulalltag begleitet. Diese Langzeit-Dokumentation wurde in drei Teilen von jeweils rund 90 Minuten veröffentlicht. Maria Knilli scheint von der anthroposophischen Waldorfpädagogik auch privat sehr angetan zu sein, wie man einem Interview auf der offiziellen Webseite der Dokumentation entnehmen kann. So wundert es nicht, dass am Ende des immerhin 12 Jahre andauernden Projektes eine Reihe von Waldorf-Werbefilmen entstanden ist. Zur Finanzierung standen der Tittel & Knilli Filmproduktion eine Bürgschaft und eine Finanzierung durch die  anthroposophische GLS-Bank zur Verfügung.

Verzerrtes Bild einer heilen Waldorf-Welt

Was auch immer die Beweggründe der Filmemacherin sein mögen, eines ist klar: Der Film erklärt nichts und er kommentiert nichts. Es gibt keinen Off-Sprecher, keinen Erzähler, keine Rückfragen an die Protagonisten. Einzig und allein die Waldorflehrerin kommt zu Wort. Sollte die Filmemacherin Rückfragen an sie gestellt haben, so erfährt man davon nichts.

Der Film hat nur einen einzigen Blickwinkel – den der Waldorfpädagogin. Und darin liegt ein eklatantes Problem des Films, der ihn zu einer Art Waldorf-Propaganda macht. Waldorfschulen verbergen wo immer es geht ihren okkult-esoterischen Hintergrund, und dieser Film kommt ihnen dabei weit über jedes vernünftige Maß entgegen.

Manches Stilmittel kann man gar für manipulativ halten: Bilder voller Idylle, schöne Natur, selbst gebasteltem oder brennenden Kerzen werden sanft untermalt mit leichter Musik von der Akustik-Gitarre. Es wird von der ersten Minute an klar, dass wir uns in einer heilen Welt befinden. Maria Knilli hat in acht Jahren wohl nichts finden können oder abbilden wollen, dass nicht pastellig-flauschig wäre. Die Schüler malen und stricken, tanzen eurythmisch, betreiben esoterischen bio-dynamischen Landbau. Beim Schulspiel, bei der Fahrradprüfung, beim Klassenausflug – alles ist fast durchweg nur Friede, Freude, Eierkuchen.

Nicht stört das heile Bild. Offenbar gab es acht Jahre lang keinen Anflug von Streit oder wie auch immer gearteten Probleme an der Waldorfschule – nicht einmal schlechtes Wetter. Maria Knilli gibt an, dass sie die Darstellung von Konflikten bewusst aus dem Film herausgehalten hat. Konflikte geheim zu halten, hat lange Tradition:

„Schweigen wir über alles, was wir handhaben an der Schule. Die Gegenerschaft ist schon groß genug!“ (Rudolf Steiner)

Auch Waldorf-kritischen Autoren wie dem ehemaligen Waldorflehrer Paul-Albert Wagemann ist solches Verhalten bekannt:

„Die Tatsache, daß sich das Erziehungsgeschehen an der Waldorfschule nach außen hin relativ konfliktfrei zu vollziehen scheint, ist eher beunruhigend“ (Paul-Albert Wagemann in „Wie frei ist die Waldorfschule?“)

Die Doku „Guten Morgen, liebe Kinder“ ist damit so einseitig, wie sie nur sein kann. Der Film wirft beim kritischen Betrachter zwar viele Fragen auf, er beantwortet jedoch keine davon. Das soll hier versucht werden.

Die Frage nach dem „Warum“ spielt keine Rolle

Von moderner Technik oder Medien bleiben die Kinder verschont, denn die Schulbücher stellen die Kinder bekanntlich mit Wachsmalstiften selbst her. Der Grund dafür? Egal. Fast 40 Kinder sitzen in speziellen Klassenräumen ohne rechte Winkel, deren Wände in reinkarnations-freundlichen Rottönen getüncht werden. Warum ist das so? Egal. Die zentrale Figur der allwissendenen Lehrerin begleitet die Kinder über die gesamte Zeit, ihr Hirn ist die einzige Wissensquelle, aus der die Kinder schöpfen dürfen. Brav wird verschwurbeltes im Chor nachgesprochen, von „geheimen Naturgesetzen und heiligen Rätseln“. Warum das? Auch das ist egal. Es ist eben einfach so.

Es müssen dem kritischen Betrachter zahlreiche Fragen in den Kopf kommen. Warum ist das dargestellt so? Warum verhält sich die Lehrerin so, wie sie es tut? Warum ist hinter der ganzen Heile-Welt-Ästhetik und den warmen Worten so viel Altbackenes und Merkwürdiges zu spüren? Die Waldorfschule ist eine Privatschule von Anhängern eines esoterischen Glaubens, der Anthroposophie. Sie beruht auf nicht weniger als den Eingebungen eines Hellsehers, der seine Erkenntnisse in „höheren Welten“ „geschaut“ haben will.

Ungern reden Waldorflehrer über diese Themen, und hier müssen Sie es zu ihrem Glück auch nicht. Den Namen „Rudolf Steiner“, den Begriff „Anthroposophie“, die Lehre von Karma und Wiedergeburt, die den Unterricht bestimmt: In dieser Dokumentation kommt sie nicht ein einziges Mal vor.

Das Geschehen zu erklären, würden bizarres zu Tage fördern

Die wesentlichen Merkmale von Waldorfschulen sind seit 100 Jahren gleichgeblieben und daher antiquiert.

Klassenstärken von 38-40 Kindern sind die Regel. Es gibt Frontalunterricht und strenge Disziplin, anders ist es bei so vielen Kindern und nur einer Lehrkraft wohl auch kaum möglich. Alle Herzlichkeit ist nur vordergründig, da Kinder in einem solchen System eben funktionieren müssen. Tun sie es nicht, werden Erziehungsmethoden von vorgestern eingesetzt.

Warum gibt es nur eine Lehrerin, in allen Fächern – und das acht Jahre lang?

Die Schulklasse und ihre Lehrer bilden, so der anthroposophische Glaube, eine „karmische Schicksalsgemeinschaft“. Sie sind also von Schicksal zusammengeworfen worden. Die Aufgabe der Lehrerin ist nun, das Karma jedes Kindes zu erkennen und ihm zu helfen, seine noch nicht abgeschlossene Wiedergeburt, seine Reinkarnation, zu vollenden. Das esoterische Konzept detailliert zu beschreiben, würde hier zu weit führen. Man lese dazu kritische Texte zum Thema „Waldorfpädagogik“.

Warum sind die Kinder so ungewöhnlich gekleidet?

Die meisten Kinder tragen wollene, einfarbige Kleidung in Erdfarben wie Rot, Orange oder Braun. Lustige Bilder und Motive oder gar Muster sieht man hier im Gegensatz zu gewöhnlicher Kinderkleidung nicht. Spätestens beim Eurythmie-Tanz tragen alle Kinder durchweg das gleiche Orangerot. Der einfarbige Einheitslook mutet sektenhaft an. Dahinter steckt natürlich der Glauben der Anthroposophen, dass bildhafte Darstellungen schlecht für die Kinder sind. „Comichafte Fratzen lähmen die Phantasie“, sagt dazu die führende anthroposophische Medizinerin Michaela Glöckler:

„Comics prägen die Vorstellungswelt (…) Die Armut und Stereotype dieser Produkte ist erschütternd. Wohlbekannte Fratzen und Schemata tauchen auf ohne sonderliche Originalität. Die Phantasieentwicklung [des Kindes] wird gelähmt und belastet, genauso wie seine Gemütsentwicklung.” (Wolfgang Goebel und Michaela Glöckler, Buch „Kindersprechstunde“, Kapitel „Kleidung und erste Schuhe“, 2015).

Und die Waldorfeltern sind voll und ganz auf dieser Linie – ein gestreifter Pullover ist hier das ausgefallenste, das sie ihrem Kind kaufen. Trägt ein Waldorfkind aber doch mal böse Abbildungen auf der Kleidung, verschwindet diese in manchen Waldorf-Einrichtungen auch schon einmal – und die Eltern erhalten eine Gardinenpredigt: Die Kleidung des Kindes sei „satanisch-diabolisch“. Hier mieft es stark nach den „Schmutz und Schund“-Kampagnen gegen Comics aus den 1950er Jahren.

Warum dominiert überall die Farbe Rot?

Es ist nicht nur die Kleidung: Die pastellige Wandfarbe, die Vorhänge, die Fenster und Türen, die Sitzkissen, die Arbeitsordner: alles ist alles in Rot gehalten. Das geht direkt auf den Hellseher Rudolf Steiner zurück, denn rote Farbe „beruhige die Kinder“ und ihre „Organe“ erzeugten dadurch eine „Gegenfarbe“:

„Anders muss im Sinne der Geisteswissenschaft ein sogenanntes nervöses, ein aufgeregtes, anders ein lethargisches, unregsames Kind in Bezug auf seine Umgebung behandelt werden. Alles kommt da in Betracht, von den Farben des Zimmers und der anderen Gegenstände, welche das Kind gewöhnlich umgeben, bis zu den Farben der Kleider, die man ihm anzieht. (…)
Es kommt nämlich auf die Farbe an, die als Gegenfarbe im Inneren erzeugt wird (…) Diese Gegenfarbe wird von den physischen Organen des Kindes erzeugt und bewirkt die entsprechenden dem Kinde notwendigen Organstrukturen. Hat das aufgeregte Kind eine rote Farbe in seiner Umgebung, so erzeugt es in seinem Inneren das grüne Gegenbild. Und die Tätigkeit des Grünerzeugens wirkt beruhigend, die Organe nehmen die Tendenz der Beruhigung in sich auf.“ (Rudolf Steiner, „Die Erziehung des Kindes vom Gesichts-Punkte der Geisteswissenschaft“, 1907)

Einhundert Jahre später sehen es führende Anthroposophen noch genauso – das Rot helfe gegen „aufmüpfige Kinder“:

„Der Blick auf eine rote Fläche erzeugt in uns eine grüne “Gegenfarbe”. Hat nun ein überaktives Kind die Neigung “mit dem Kopf durch die Wand” zu wollen, so kann eine in Rot gehaltene Kleidung harmonisierend wirken.” (Wolfgang Goebel und Michaela Glöckler, Buch „Kindersprechstunde“, Kapitel „Kleidung und erste Schuhe“, 2015).

Das Magazin „Der Spiegel“ fragte 2004:

„Wundersame Waldorfwelt: Ist es spinnert, die Klassenzimmer aller 187 deutschen Waldorfschulen nach demselben Muster zu streichen? (…) Wie vieles in der Welt der „Waldis” ist der Einfluss des Farbkonzepts auf die Schüler nicht messbar.“ (Der Spiegel, Das Ende der Exorzisten, 2004)

Das ist für gläubige Anthroposophen natürlich kein Grund, von den Anweisungen ihres Gurus auch nur einen Millimeter abzurücken. Man will die Kinder mit roter Farbe „ruhigstellen“, verdreht es in der Darstellung nach außen hin aber lieber positiv – als „Wärme und Umhüllung wie im Mutterleib“.

Warum ist der Klassenraum so ungewöhnlich?

In Waldorfschulen achtet man sehr auf die Vermeidung rechter Winkel. Die Räume sind in schiefen Winkeln gestaltet, auch die Fenster sind nach Möglichkeit nie recht- sondern vieleckig. Wo das durch Neubau nicht zu realisieren ist, werden eckige Fenster schon mal mit Folien auf „rund“ getrimmt. Rechte Winkel, so der Hellseher Steiner, seien unnatürlich – in der Natur kämen diese angeblich nicht vor.

Die Bauweise der „organischen Architektur“ findet sich an allen Gebäuden der Anthroposophen. Rechte Winkel sind verpönt, sie sind „schädlich für das Bewusstsein“ – und auch die typische Waldorf-Schriftart, zu sehen auf dem Eingangsschild der Schule, kommt ohne diese aus.

An den Wänden hängen Heiligenbilder, die Kinder sagen im Chor christliche Ritualtexte auf – Staat und Kirche zu trennen kommt in so einer christlich geprägten Bekenntnisschule nicht in Frage.

Warum die antiquierten Methoden?

  • Es gibt Frontalunterricht auf hölzernen Bänken.
  • Es dürfen nur Wachsmaler, keine Stifte verwendet werden
  • Die Kinder machen Schwungübungen, die man in Regelschulen seit Jahrzehnten nicht mehr nutzt.
  • Es wird die magische Lemniskate, das Symbol der „liegenden Acht“ in die Luft gezeichnet. Die Lemniskate ist für Anthroposophen ein Abbild des „Ätherleibes“.
  • Kinder sollen anhand von Märchen, Fabeln und Sagen lernen – Schulbücher gibt es traditionell nicht.
  • Zählen und Rechnen lernt man mit Holzplättchen.
  • Kinder müssen ein antiquiert wirkendes „Franziskusspiel“ aufführen oder 150 Jahre alte Gedichte lernen: „Mit edeln Purpurröten und hellem Amselschlag, mit Rosen und mit Flöten stolziert der junge Tag.“ Die ideale Lyrik für Sechsjährige!
  • Das Spielzeug, eine gusseiserne Waage zum Beispiel, ist ebenso altbacken.
  • Kinder sollen, Zitat, nicht „Intellektualisiert“ werden
  • Es wird sehr viel chorisch nachgesprochen, Zahlenreihen werden rhythmisch aufgesagt

Was ist nur mit der Lehrerin los?

Die Lehrerin spricht in ihren zahlreichen Wortbeiträgen auf eine besondere Weise: Langsam und leise, sehr betulich und betont, sie macht lange Pausen. Diese bei gläubigen Anthroposophen verbreitete Sprechweise beschreibt das anthroposophische Magazin „info3“ so:

„Ein betulicher Tonfall, in dem mitklingt: Ich bin schon längst weiter als du.“ (Laura Krautkrämer: „Rock me Rudolf„, Info3, Januar 2011)

In einer der Märchenstunden verfällt sie glatt in die Sprache des Mittelalters: „Denket!“, „Höret!“… diese priesterliche Sprechweise ist nicht ungewöhnlich. Ein erfahrener Anthroposoph ist laut Rudolf Steiner schließlich nicht weniger als ein „Eingeweihter“, ein „Geheimschüler“, ein „Priester“ gar, der geführt wird „von den Erzengeln. Dazu auch Paul-Albert Wagemann:

„Anthroposophische Sprachgestaltung geht über den Zweck der Sprache als Kommunikationsmittel hinaus und zielt (…) auf den Erwerb eines höheren Bewußtseins.“ (Paul-Albert Wagemann in „Wie frei ist die Waldorfschule?“)

Ihre aufgesetzte Freundlichkeit wirkt immer dann verwässert, wenn die Kinder nicht wie anbefohlen funktionieren. Dann reagiert sie aggressiv, und zwar auf eine leise, aber konfrontative Weise. So hört man „Ab-so-lutes Verbot! Es wird nie-mals dagegen verstoßen! Klar?“ oder „Keiner macht hier auch nur die allerkleinsten Faxen!“. Aufmüpfige Kinder werden vor der Klasse bloßgestellt („Der L. schafft es nicht!„) oder ihre Namen werden, umrahmt von einer Gewitterwolke, an die Tafel geschrieben. Sie müssen die Stunde über strammstehen und nach dem Unterricht antreten – um sich wahrscheinlich ein Donnerwetter abzuholen. Streng nach Steiner gilt die „absolute Autorität“ des „geliebten Lehrers“. Im nächsten Teil der Filme wird ein anderer Lehrer noch deutlicher werden, sagt er doch zu einem Schüler: „Schau mich nicht so bescheuert an!“.

Im kompletten Gegensatz zu Ihren bisherigen Handlungen behauptet die Klassenlehrerin kurz darauf ernsthaft: „Ich wäre tief enttäuscht, wenn da nur funktionierende Kinder in der Klasse säßen.“. Es wird nicht recht klar, wem sie hier genau etwas vormacht.

Anthroposophische Esoterik durchdringt jeden Bereich

Die Lehrerin ist Esoterikerin, denn ihre Kinder stammen für sie nicht von der Erde. So spricht sie über die „Menschheitsentstehung, Menschheitsentwicklung“ und fragt:

„Was tun denn die Menschen, wenn sie allein auf der Welt unten angekommen sind?“

Vor der Wiedergeburt schweben die Seelen der Kinder nach Anthroposophischer Lehre durch den Kosmos, danach kommen Sie „unten auf der Welt an“ um zu Reinkarnieren. So hat auch eines der Mädchen die Aufgabe, den ihr persönlich zugeteilten „Zeugnisspruch“ immer wieder aufzusagen:

„Wir kommen von den Sternen…“.

Es sollte spätestens jetzt jedem klar sein, dass der esoterische Glauben der Anthroposophie hier wirklich jeden Bereich durchdringt. Diese beinhaltet natürlich auch den Glauben dutzende Fabelwesen, Engel und Dämonen, Naturwesen, Elfen und Wichtel. Eine Schülerin:

„Wir schreiben gerade ein Buch, wo viele Wichtel vorkommen (…). Sie sind überall dabei.“

Auch die „höheren Welten“, die nur Anthroposophen hellseherisch wahrnehmen können, werden genutzt: Auf übersinnliche Art nimmt die Lehrerin Kontakt auf zu ihren Schülern auf – offenbar durch Telepathie. Nach Waldorf-Art „denkt“ sie morgens vor der Schule an jedes einzelne Kind und sendet ihm damit „Aufmerksamkeit“. Solches wiederholt sie am Abend.

Karma und Wiedergeburt, Astral-und Ätherleiber und die Jahrsiebtelehre

Die Lehrerin spricht davon, dass der Waldorf-Lehrplan gemäß den „Entwicklungsstufen“ der Kinder verlaufe. Man müsse „jedes Kind „da abholen“, wo es „in der Phase seiner Entwicklung“ stehe.

Welche „Stufen“ hier gemeint sind, bleibt im Dunkeln, und das ist gewollt. Es klingt nur solange gut, bis man merkt, dass Stufen-Modelle in der Erziehung als überholt gelten. Bei Anthroposophen ist jedoch noch mehr gemeint: Das Kind wird nur als rein „physischer Leib“ geboren und ist noch kein komplett Wiedergeborener Mensch. Im Rhythmus von immer sieben Jahren schließt es seine Reinkarnation ab – das ist die antike „Jahrsiebtelehre“ in voller Aktion. Ein Kind entwickelt demnach mit 7 Jahren seinen „Ätherleib“ und mit 14 Jahren seinen „Astralleib“. Verborgen hinter schönen Worten ist hier wie überall nichts als krude Esoterik. Ist der Ätherleib nicht voll entwickelt (das erkennt der Anthroposoph an den Zähnen der Kinder), soll es nicht schreiben lernen. Solange gibt es eben nur Wachsmaler und Schwungübungen.

Kreativität oder Kopiererei?

Gerne unterstellt man Waldorfschülern, sie seien unglaublich kreativ. Im Film sieht man jedoch die Realität: Viele Bilder werden nach strenger Vorgabe einfach abgemalt, so dass mehr oder weniger identische „Kunstwerke“ dabei herauskommen. Auch das Tafelbild der Lehrerin („Die Birkte tanzt“) wird von den Kindern eins zu eins in die Epochenhefte übernommen. Da Kinder vor der zweiten Stufe ihrer Reinkarnation nicht kreativ sein können, sollen sie es auch nicht: Waldorf-Kunstwerke wirken oft wie aus einem Kopierer.

Waldorfschüler tanzen die Sprache der Engel, Elfen und Gnome

Auch bei der Eurythmie, den „Engels-, Elfen- und Gnomentänzen“ (Steiner) wird eisern nachgeturnt, was die Lehrerin vorgibt. Es müssen streng die vorgegebenen Bewegungen gemacht werden, improvisiert oder individuell abgewandelt darf nicht werden. Stur wird vorgegebenes wiederholt, eigene Bilder, eigene Tänze werden nicht zugelassen.

Befreiungsschlag für die Waldorfschulen – endlich keine Kritik mehr!

Das Hausmagazin der Waldorfschulen, die „Erziehungskunst“, können ihr Glück über solch einseitige und unkritische Berichterstattung natürlich kaum fassen. Vor lauter Begeisterung macht man sich fast ins seidene Eurythmie-Hemdchen und schiebt den ewigen Hass auf die dämonischen, gefährlichen Fernsehgeräte mal beiseite. Auch die Engel freuen sich:

„[Ich] schalte den Fernseher ein. Heute lass‘ ich die Engel mal sausen. (…) In diesem Fall sind vermutlich selbst die Engel einverstanden, dass man Fernsehen guckt.“. (Waldorf-Hausmagazin „Erziehungskunst“)

Die Dokumentation sei „beeindruckend“, man „könnte heulen“ über „soviel Liebe!“ (sic) und ist „gespannt auf die Fortsetzung“. Für die esoterischen Waldorfschulen, über die seit Jahren kübelweise Kritik ausgegossen wurde (Okkultismus! Realitätsferne! Steiners Rassismus!), ist dieser Werbefilm das reinste Balsam. Endlich können Sie sich ausgiebig und nach eigenem Gutdünken selbst darstellen. Endlich keine Kritik, keine kritischen Rückfragen, keine Einordung, ob das was man dort tun, nicht völlig unzeitgemäß und esoterisch-entrückt ist. Es ist wie ein Befreiungsschlag. So spart man sich in der „Erziehungskunst“ auch nicht den Seitenhieb, dass die Lehrerin hier eben „einmal nicht das Opfer, der strapazierte Märtyrer an der Schulfront ist“, wie man es offenbar in der ‚Staatsschule‘ vermutet.

Diese Doku macht Waldorf-Skeptiker zu Waldorf-Fans

Im Internet finden sich keine kritischen Rezensionen, kaum ein skeptischer Bericht. Im Gegenteil, die Doku hat sich als perfekte Werbung für die Waldorfschulen herausgestellt. Die Kaufversion des Films ist bei Amazon zu finden, wo sie eine Kundenbewertung von 4.9 von 5 Sternen erreicht hat.

Die (sprachlich etwas verquaste) Begeisterung ist deutlich:

„Möge dieser Film Geleit sein, für viele an der Waldorfpädagogik Interessierte“

Das die rückwärts gewandten Erziehungsmethoden von vorgestern scheint gut anzukommen:

„Hier werden Werte, die auch uns noch vor 30 Jahren vermittelt worden sind (…) hochgehalten.“

Kritiker der Waldorfschule sehen sich selbst plötzlich milde gestimmt:

„Ich will in diese Schule. Als kritische Beobachterin der Schule hat mich dieser Film sehr beeindruckt. In der Waldorfpädagogik steckt sehr viel Weisheit und Erkenntnis.“

Es werden Waldorf-Zweifler sogar zu Waldorf-Fans:

„Wir haben uns lange im Vorfeld über die Vor- und Nachteile einer Waldorfschule informiert, bevor wir unseren Sohn an der hiesigen Waldorfschule angemeldet haben (…). Dieser wunderbare Film beseitigt alle letzten Zweifel an dieser Schulform und macht einfach Lust auf mehr!“

Fazit: Staatliche Dauerwerbesendung für eine esoterische Privatschule

Der Bayerische Rundfunk hat seinen Bildungsauftrag hier klar verfehlt. So viel Zeit, so viel Mühe, so viel Geld – und heraus kommt eine Dauerwerbesendung für eine esoterische Privatschule. Und diese quasi esoterische Indoktrination zahlt – wie den Betrieb der Waldorfschulen auch – auch der Gebührenzahler.

Die Dokumentation zeigt nur das, was Waldorf zeigen will. Sie blendet den Zuschauer mit dem Bild einer Schule, die im besten Lichte dasteht. Dem Zuschauer hält man einen selbst gewebten Vorhang vor ie Augen, hinter den er nicht schauen kann, nicht schauen soll. Ja, er soll nicht einmal erfahren, dass es eine Welt hinter dem Vorhang gibt. Das ist, höflich gesagt, in grober Weise unausgewogen und einseitig.

Eine kritische Stimme findet man in den Rezensionen bei Amazon dann zum Glück doch noch:

„Guter Film – beklemmender Inhalt.

Ich fand die dargestellte Unterrichtssituation sehr befremdlich. Wie Kinder, deren Unterricht hauptsächlich aus nachsprechen, Frontalunterricht, Märchenhören und Diziplin-Halten besteht, sich selbst verwirklichen sollen, blieb mir verschlossen. Auch kann ich kein Eingehen auf einzelne Schüler sehen. Die Arbeitsatmosphäre scheint mir nicht sehr kindgerecht.

Ich empfinde den Umgang der Lehrerin mit den Kindern -trotz der sehr freundlich gehaltenen Stimme- als sehr kühl und unpersönlich, geradezu als aufgesetzt. Ein Kind das schwatzt, muss den Rest des Unterrichts als einziger stehend verbringen. Kinder werden streng und autoritär zurechtgewiesen. Die Lehrerin wird nie laut oder unfreundlich, trotzdem empfinde ich ihre Zurechtweisungen als bloßstellend.

Der Unterrichtsstil ist sehr altmodisch, autoritär, wenig schülerbezogen und sehr wenig individuell. Diese Erkenntnis hat mich selbst überrascht, hatte ich mit Waldorf-Pädagogik bisher das genaue Gegenteil verbunden.“


Alle Teile der Dokumentation finden sich hier:

3 Gedanken zu “„Guten Morgen, liebe Kinder“: Langzeitdokumentation über eine Waldorfschule

  1. Dass das eine Sektenschule war/ist, wurde mir spätestens vor 20 Jahren klar, als ich merkte, dass ich mich nicht traute, im Internet öffentlich Kritik zu äußern. Typisches Sektenopferverhalten. Und, glauben Sie mir, ich habe sonst vor NICHTS Angst. Selbst heute fällt es mir noch nicht leicht.

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